Edelmetalle Grundlagen
Silber verstehen: Industriemetall mit Geschichte
Silber ist Geldmetall und Industrierohstoff – das prägt seinen Preis.
Holger Weller · Mitgründer 6 min Lesezeit
Silber steht oft im Schatten des Goldes – als das kleinere Edelmetall, das man der Vollständigkeit halber mitnennt. Das wird ihm nicht gerecht. Silber hat eine eigene Geschichte als Geld und eine eigene Gegenwart als Werkstoff. Beides zusammen erklärt, warum es sich am Markt anders verhält als Gold.
Wer Silber kaufen möchte, sollte diese Doppelnatur kennen, ebenso die steuerlichen Unterschiede zu Gold und eine ganz praktische Folge seines niedrigeren Preises je Gramm: Silber braucht Platz.
Ein Metall mit monetärer Geschichte
Über weite Strecken der Geschichte war Silber das eigentliche Alltagsgeld. Griechische Drachmen, römische Denare und später die Taler der frühen Neuzeit wurden aus Silber geprägt und trugen den Handel über Jahrhunderte. Im Französischen bedeutet „argent“ bis heute zugleich Silber und Geld.
Im 19. Jahrhundert setzten viele Staaten auf Doppelwährungen aus Gold und Silber und legten das Wertverhältnis beider Metalle gesetzlich fest, Frankreich etwa auf 15,5 zu 1. Mit dem Übergang zur reinen Goldwährung – das Deutsche Reich vollzog ihn in den 1870er-Jahren – verlor Silber seine Rolle als Währungsmetall. Geblieben ist seine Wahrnehmung als Edelmetall und Wertspeicher. Sie trägt bis heute einen Teil der Nachfrage, in Form von Barren und Münzen, die Anleger als Sachwert halten.
Industrielle Nachfrage und stärkere Schwankungen
Anders als Gold wird Silber in großem Umfang verbraucht. Es leitet Strom und Wärme besser als jedes andere Metall und steckt deshalb in Kontakten, Schaltern, Loten und leitfähigen Pasten vieler elektronischer Geräte. In Solarzellen führen feine Leiterbahnen aus silberhaltiger Paste den erzeugten Strom ab. In der Medizin wird seine keimhemmende Wirkung genutzt, etwa in Wundauflagen und Beschichtungen. Ein Teil des verarbeiteten Silbers wird so fein verteilt verbaut, dass er sich kaum zurückgewinnen lässt.
Am Markt reagiert Silber damit auf zwei Arten von Einflüssen: auf ähnliche wie Gold – Zinsen, Wechselkurse, das Vertrauen in Währungen und Finanzsystem – und zusätzlich auf Konjunktur und Technik. Läuft die Industrie, steigt der Bedarf; schwächt sie sich ab oder sparen Hersteller durch neue Verfahren Silber ein, sinkt er. Zudem ist der Silbermarkt, gemessen am gehandelten Wert, deutlich kleiner als der Goldmarkt, sodass größere Käufe und Verkäufe den Preis stärker bewegen. Das Ergebnis sind typischerweise heftigere Ausschläge als bei Gold, nach oben wie nach unten.
Für Anleger heißt das: Silber eignet sich nicht für Mittel, die bald gebraucht werden. Wer Silber hält, sollte deutliche Wertschwankungen über längere Zeit aushalten können, ohne verkaufen zu müssen.
Das Gold-Silber-Verhältnis richtig lesen
Eine häufig zitierte Kennzahl ist das Gold-Silber-Verhältnis, auch Gold-Silber-Ratio genannt. Es gibt an, wie viele Unzen Silber dem Preis einer Unze Gold entsprechen – rechnerisch der Goldpreis geteilt durch den Silberpreis. Anders als zu Zeiten der Doppelwährungen ist es heute nicht festgelegt, sondern ergibt sich täglich am Markt. In den vergangenen Jahrzehnten hat es sich in einer weiten Spanne bewegt.
Manche lesen aus einem hohen Wert ab, Silber sei günstig, und aus einem niedrigen, Gold sei es. Das ist ein Kurzschluss. Die Kennzahl beschreibt nur, wie sich zwei Preise zueinander verhalten. Sie enthält keine Aussage darüber, dass diese Relation zu einem bestimmten Mittelwert zurückkehren müsste – zumal sich Angebot und Nachfrage beider Metalle seit dem Ende der Doppelwährungen grundlegend auseinanderentwickelt haben. Als Beschreibung ist das Verhältnis nützlich, als Kauf- oder Verkaufssignal taugt es nicht. Sinnvoll eingesetzt hilft es etwa, die Entwicklung beider Metalle über einen bestimmten Zeitraum zu vergleichen.
Steuern: der Unterschied zu Gold
Beim Kauf unterscheidet sich Silber deutlich von Gold. Anlagegold ist von der Umsatzsteuer befreit, Silberbarren dagegen unterliegen in Deutschland dem Regelsteuersatz von 19 Prozent (§ 12 Abs. 1 UStG). Privatanleger können diese Steuer weder als Vorsteuer abziehen noch beim späteren Verkauf zurückerhalten. Der Silberpreis muss deshalb erst um diesen Betrag und um die Spanne zwischen Ankaufs- und Verkaufspreis steigen, bevor ein Verkauf den Einstandspreis wieder erreicht.
Bei Münzen war lange die Differenzbesteuerung nach § 25a UStG verbreitet. Dabei versteuert der Händler nur seine Marge, nicht den gesamten Verkaufspreis. Nach Änderungen durch die Finanzverwaltung im Jahr 2022 und durch den Gesetzgeber zum 1. Januar 2025 ist diese Möglichkeit für neu geprägte Anlagemünzen weitgehend entfallen; sie kommt heute vor allem noch bei Münzen in Betracht, die der Händler von Privatpersonen angekauft hat. Für neue Anlagemünzen aus Silber gilt deshalb in der Regel wie bei Barren der Regelsteuersatz. Ob ein Angebot differenzbesteuert ist, zeigt die Rechnung: Sie weist dann keine Umsatzsteuer gesondert aus und trägt einen Hinweis auf die Sonderregelung (§ 14a Abs. 6 UStG).
Für den Verkauf gilt dieselbe Haltefrist wie bei Gold. Liegt zwischen Kauf und Verkauf mehr als ein Jahr, unterliegt ein Gewinn nach derzeitiger Rechtslage nicht der Einkommensteuer (§ 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG). Innerhalb dieser Frist ist er als Gewinn aus einem privaten Veräußerungsgeschäft grundsätzlich einkommensteuerpflichtig; die Freigrenze und die Verrechnung von Verlusten erläutert der Beitrag „Gold als Ergänzung, nicht als Ersatz“.
Wertdichte: Silber braucht Platz
Für denselben Betrag braucht man bei Silber ein Vielfaches an Gewicht. Weil Silber mit rund 10,5 Gramm je Kubikzentimeter zudem deutlich weniger dicht ist als Gold mit rund 19,3, wächst das Volumen noch stärker. Ein vereinfachtes Beispiel mit einem angenommenen Gold-Silber-Verhältnis von 80 zu 1: Dem Gegenwert eines Kilogramms Gold entsprächen 80 Kilogramm Silber. Das Kilogramm Gold nimmt rund 52 Kubikzentimeter ein und passt in eine Hand. Die 80 Kilogramm Silber füllen gut siebeneinhalb Liter und wiegen so viel wie ein erwachsener Mensch.
Für die Lagerung hat das Folgen. Ein Tresor, der für einen Goldbestand ausreicht, ist für denselben Wert in Silber schnell zu klein. Transport und Auslieferung werden aufwendiger, und Verwahrgebühren, die sich nach Gewicht oder Volumen richten, steigen entsprechend. Welche Lageroptionen es gibt und worauf es dabei ankommt, beschreibt der Beitrag „Lagerung von Edelmetallen: Was zu beachten ist“.
Vor einem Kauf sollten Sie deshalb einige Fragen für sich klären:
Halten Sie Schwankungen aus, die deutlich stärker ausfallen können als bei Gold?
Haben Sie die Kosten des Einstiegs – Umsatzsteuer und Handelsspanne – eingerechnet, die erst ein entsprechender Preisanstieg ausgleichen würde?
Wie ist das konkrete Angebot umsatzsteuerlich behandelt?
Wo soll das Metall lagern, und was kostet das bei dem Volumen, das Silber einnimmt?
Welchen Platz soll Silber neben Gold und anderen Sachwerten in Ihrem Vermögen einnehmen?
Silber kann einen Edelmetallbestand ergänzen, wenn man seine Eigenheiten bewusst in Kauf nimmt. Im Erstgespräch ordnen wir ein, ob und in welchem Umfang das zu Ihrer Situation passt – von der Stückelung bis zur Frage, wo das Metall lagern soll.