Edelmetalle Einordnung
Liquidität und Sachwert — ein Widerspruch?
Sachwerte binden Kapital, Liquidität schafft Spielraum. Wer sein Vermögen in Stufen ordnet – Reserve auf dem Konto, Edelmetalle in kleinen Einheiten, Immobilien mit langem Horizont –, muss sich nicht zwischen beidem entscheiden und verringert das Risiko von Zwangsverkäufen.
Erik Eckert · Mitgründer 6 min Lesezeit
Sachwerte haben einen Ruf: solide, aber schwerfällig. Eine Immobilie lässt sich nicht von heute auf morgen in Geld verwandeln, und auch wer Gold besitzt, muss es erst verkaufen, bevor er damit eine Rechnung begleichen kann. Liquidität – die Fähigkeit, jederzeit zahlungsfähig zu sein – verbindet man dagegen mit Kontoguthaben, die zwar verfügbar sind, bei steigenden Preisen aber an Kaufkraft verlieren können.
Daraus ließe sich ein Widerspruch konstruieren: entweder Substanz oder Beweglichkeit. Tatsächlich entsteht er erst, wenn ein Vermögen nur aus einer Sorte von Bausteinen besteht oder wenn langfristig gebundenes Kapital für kurzfristige Zwecke gebraucht wird. Wer seine Bausteine nach ihrer Liquidität ordnet, kann beides verbinden.
Was Liquidität eigentlich bedeutet
Liquidität hat zwei Seiten: Geschwindigkeit und Preis. Wie schnell lässt sich ein Vermögenswert in Geld umwandeln, und mit welchem Abschlag gegenüber seinem eigentlichen Wert? Ein Kontoguthaben ist sofort und ohne Abschlag verfügbar. Ein Goldbarren lässt sich in der Regel innerhalb weniger Tage verkaufen, allerdings zum Ankaufspreis des Händlers, der unter dessen Verkaufspreis liegt. Eine Immobilie dagegen erzielt einen angemessenen Preis meist nur, wenn man dem Verkauf die nötige Zeit gibt.
Auf die zweite Seite kommt es im Ernstfall an. Fast jeder Vermögenswert lässt sich schnell verkaufen, wenn der Verkäufer bereit ist, jeden Preis zu akzeptieren. Wer unter Zeitdruck verkauft, bezahlt die Geschwindigkeit mit einem Abschlag. Liquidität heißt nicht nur, verkaufen zu können, sondern vor allem, nicht verkaufen zu müssen.
Drei Stufen der Verfügbarkeit
Ordnet man die typischen Bausteine eines Sachwertvermögens danach, wie schnell und zu welchem Preis sie verfügbar sind, ergeben sich drei Stufen:
Reserve auf dem Konto. Girokonto und Tagesgeld sind sofort verfügbar, und ihr Nominalwert schwankt nicht. Eine häufig genannte Faustregel lautet, drei bis sechs Monatsausgaben als Reserve zu halten. Für Selbstständige und Eigentümer vermieteter Immobilien kann eine größere Reserve sinnvoll sein, weil Einnahmen unregelmäßiger fließen oder am Objekt unvorhergesehene Kosten entstehen können.
Edelmetalle. Physisches Gold und Silber lassen sich kurzfristig und in Teilen veräußern. Ihr Preis schwankt jedoch und kann gerade dann niedrig stehen, wenn das Geld gebraucht wird.
Immobilien. Sie bilden die langfristige Stufe. Ein Verkauf dauert in der Regel mehrere Monate, von der Vorbereitung der Unterlagen über die Käufersuche und die Finanzierung des Käufers bis zum Notartermin und zur Zahlung des Kaufpreises. Dazu kommen hohe Transaktionskosten: beim Kauf Grunderwerbsteuer, Notar- und Grundbuchkosten und gegebenenfalls eine Maklerprovision, beim Verkauf unter Umständen eine Vorfälligkeitsentschädigung für ein laufendes Darlehen.
Keine Stufe ist der anderen überlegen. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben: Die Reserve hält den Alltag zahlungsfähig, Edelmetalle bilden eine bewegliche Sachwertstufe ohne Abhängigkeit von einem Schuldner, die Immobilie ist auf Mieteinnahmen und Substanz über lange Zeiträume angelegt. Problematisch wird es erst, wenn eine Stufe die Aufgabe einer anderen übernehmen soll.
Fristenkongruenz: Geld und Anlage im gleichen Takt
Im Bankwesen gilt seit Langem ein Grundsatz, der als goldene Bankregel bekannt ist: Kapital soll nur so lange gebunden werden, wie es zur Verfügung steht. Man spricht von Fristenkongruenz. Für Privatanleger lässt sich das einfach übersetzen: Geld, das in absehbarer Zeit gebraucht wird, gehört nicht in Anlagen, die sich nur langsam oder mit hohen Kosten auflösen lassen.
Bevor Kapital in eine Immobilie fließt, sollte deshalb klar sein, welche größeren Ausgaben in den nächsten Jahren anstehen könnten – eine Ausbildung, eine Anschaffung, eine berufliche Veränderung. Diese Beträge gehören in die erste Stufe, nicht in Anlagen mit schwankendem Preis oder langer Bindung. Auch die Immobilie selbst braucht einen Puffer: für Mietausfälle, Reparaturen in der eigenen Wohnung oder eine Sonderumlage der Eigentümergemeinschaft. Wer solche Beträge nicht bereithält, muss kurzfristigen Bedarf im Ernstfall aus langfristig gebundenem Vermögen decken.
Warum Zwangsverkäufe teuer sind
Der eigentliche Schaden fehlender Liquidität entsteht selten durch die Anlage selbst, sondern durch den Zeitpunkt, zu dem sie aufgelöst werden muss. Ein Zwangsverkauf – also ein Verkauf aus Geldnot, nicht aus freier Entscheidung – trifft häufig auf ungünstige Bedingungen. Engpässe entstehen oft dann, wenn auch andere unter Druck stehen, etwa in einer wirtschaftlichen Schwächephase. Gerade dann halten sich Käufer häufig zurück, und die Preise können nachgeben.
Bei Immobilien ist der Effekt besonders deutlich. Wer verkaufen muss, kann nicht auf den passenden Käufer warten, verhandelt aus einer schwachen Position und hat die Erwerbsnebenkosten getragen, ohne die geplante Haltedauer zu erreichen, über die sie sich verteilen sollten. Kann ein Darlehen dauerhaft nicht bedient werden, droht im äußersten Fall die Zwangsversteigerung. Hinzu kommt die steuerliche Seite: Wird eine vermietete Immobilie innerhalb von zehn Jahren nach dem Kauf veräußert, kann ein Gewinn als privates Veräußerungsgeschäft steuerpflichtig sein (§ 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG); bei Edelmetallen beträgt die Frist ein Jahr (Nr. 2). Ein erzwungener Verkauf kommt dann auch steuerlich zur Unzeit.
Ein Liquiditätspuffer hat seinen Preis: Geld, das jederzeit verfügbar sein soll, steht für langfristige Anlagen nicht zur Verfügung. Er verringert aber das Risiko, über den Zeitpunkt eines Verkaufs nicht mehr selbst entscheiden zu können.
Liquidität heißt nicht nur, verkaufen zu können, sondern vor allem, nicht verkaufen zu müssen.
Wie die Stufen zusammenspielen
Im Zusammenspiel ergibt sich eine sinnvolle Reihenfolge. Unvorhergesehene Ausgaben werden zuerst aus der Reserve gedeckt. Reicht sie nicht aus oder soll sie wieder aufgefüllt werden, lassen sich Edelmetalle in Teilen verkaufen, ohne den gesamten Bestand aufzulösen. Die Immobilie bleibt unberührt, solange ihr Verkauf nicht Teil einer geplanten Entscheidung ist.
Wer Edelmetalle auch als Liquiditätsstufe nutzen möchte, sollte auf die Stückelung achten. Mehrere kleinere Barren lassen sich einzeln verkaufen, ein großer Barren nur im Ganzen; dafür fällt die Spanne zwischen Ankaufs- und Verkaufspreis bei kleinen Einheiten im Verhältnis zum Metallwert höher aus. Auch der Lagerort beeinflusst, wie schnell das Metall verfügbar ist; die Optionen dazu beschreibt der Beitrag zur Lagerung von Edelmetallen.
Umgekehrt sollte die Reserve nicht so groß werden, dass sie den Aufbau langfristiger Werte ersetzt. Die richtige Balance ist individuell. Sie hängt von Einkommen, Verpflichtungen, Zeithorizont und dem eigenen Bedürfnis nach Ruhe ab.
Liquidität ist für uns kein Gegenspieler von Sachwerten, sondern ihre Voraussetzung. Wenn wir mit Anlegern über Immobilien oder Edelmetalle sprechen, steht am Anfang die Frage, welche Mittel frei sind und welche in absehbarer Zeit gebraucht werden könnten. Ihre eigene Aufteilung können Sie im Erstgespräch Stufe für Stufe durchgehen – von der Reserve bis zur Frage, welche Mittel sich langfristig binden lassen.